Privatisiert.

„Meinen ersten exklusiven Ost-West-Kulturschock erlebte ich bereits im Sommer 2011 mit dem Wechsel vom „Stolz der Lausitz“ zum „Stern des Südens“.

Am Nikolaustag 1988 im südlichsten Kreis des damaligen DDR-Bezirks Magdeburg geboren bin ich wohl ein Kind des Ostens. Allerdings liegt die Betonung eher auf Kind als auf Osten. Dass kurz vor meinem ersten Geburtstag die Mauer fiel, habe ich höchstens vernommen, wenn ich im Kinderwagen mal die Lauscher auf Empfang schaltete. Um auf Demos zur friedlichen Revolution beizutragen, war ich wohl ein paar Jährchen zu jung. Doch der Wechsel der Gesellschaftssysteme, Werte, Ansichten und Erziehungsschwerpunkte erfolgte nicht per Fingerschnipp, sondern eher kontinuierlich-schleichend. Insofern wuchs ich im idyllischen Harzkurort Wernigerode wohl noch ziemlich östlich auf – und bin dankbar für eine unbeschwerte Kindheit sowie die damit einhergehende Sozialisation.

Mehr als einmal hörte ich von meinen Eltern oder anderen älteren Bekannten, dass sie dankbar dafür sind, „beides“ kennengelernt zu haben: Sozialismus und Kapitalismus, Osten und Westen, Plan- und Marktwirtschaft. Wer das eine erlebt hat, weiß das andere mehr zu schätzen. Und auch wenn der Vergleich ein wenig hinkt oder gar vermessen anmutet, kann ich nach mehr als 16 Jahren Profifußball mit rasantem Tempo in nahezu allen Bereichen unseres Sports durchaus behaupten: Ich habe auch „beides“ kennengelernt: Einerseits die letzten Ausläufer der Zweiklassengesellschaft zwischen Alt und Jung, gestandenen Spielern und jungen Küken, des vorauseilenden Gehorsams und der in Stein gemeißelten Hackordnung. Andererseits die nun eher flachen Hierarchien innerhalb einer Mannschaft mit verteilter Verantwortung auf viele, auch jüngere Schultern, statt Fokussierung auf einen einzigen Leitwolf mit Häuptlingsstatus. Ohne soziologisch besonders bewandert zu sein, steht zu vermuten: Die Entwicklung des Gruppenverhaltens von Fußballteams entsprach in den vergangenen Jahren wahrscheinlich jenen in anderen Gesellschaftsbereichen: Tendenz antiautoritär.

Inzwischen habe ich deutlich mehr erwachsene Zeit in der alten BRD verbracht als in den gar nicht mehr so neuen Bundesländern. Und dort mein Glück gefunden. Sportlich, mit dem Ja-Wort von Carla 2021 aber längst auch privat in unserem wundervollen Zuhause in Kirchzarten. Als stolzer Wahl-Wessi mit unverkennbaren Ost-Genen.